MACHT MEHR LIEBE!
„What the World Needs Now Is Love“, heißt es in einem Hit von Jackie DeShannon aus dem Jahr 1965. Gut sechzig Jahre später gilt die Erkenntnis des Songs mehr denn je. Der bekannte Essayist Daniel Schreiber erweitert diese Botschaft in seinem Buch Liebe! Ein Aufruf nun um eine politische Komponente.

Schaut man auf die aktuellen politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen weltweit, so lässt sich darüber vieles sagen, nur nicht, dass Versöhnung und Liebe Konjunktur hätten. Das beginnt bei sozialen Spannungen und Spaltung, setzt sich im rauen Ton in Diskurs und Alltag fort und reicht bis zu Gewalt und Krieg auf der ganzen Welt. Auch Daniel Schreiber nimmt diese Entwicklung wahr. Der Autor, der sich bereits in seinen gefeierten Büchern wie Zuhause und Allein mit gesellschaftlichen Themen wie der Einsamkeit oder dem Erleben von Verlusten beschäftigte, konstatiert in seinem neuen Buch Liebe! Ein Aufruf eine Veränderung des Soundtracks der Zeit.

Demokratische Kompromissbereitschaft wird geschmäht, Ressentiments triumphieren über das Gemeinwohl, eine Verständigung scheint an vielen Stellen kaum mehr möglich. Doch Schreiber setzt dem etwas entgegen, nämlich den titelgebenden Aufruf zu mehr Liebe.
Was vielleicht nach Romantik und Naivität klingen mag, ist für Schreiber das genaue Gegenteil, wie er so lesenswert wie anregend in seinem Buch ausführt. Denn Liebe kann auch radikal sein, wenn man sie so konsequent zu Ende denkt, wie es Schreiber in seinem Buch tut. Diese Liebe umfasst nämlich nicht nur persönliche Bindungen, sondern auch weit darüber hinausreichende soziale und gesellschaftliche Aspekte.
Ausgangspunkt seiner Überlegungen ist ein Schreibseminar, das der Berliner Autor regelmäßig gibt. Hier finden Menschen mit ganz unterschiedlichen Geschichten und Anliegen zusammen, die gemeinsam an ihren Texten arbeiten und sich gegenseitig zuhören und unterstützen.

Diese Atmosphäre von produktiver Zusammenarbeit und Verständigung im Kleinen scheint im Großen kaum mehr möglich. Doch damit will sich Schreiber nicht abfinden und blickt ausgehend vom eigenen Wahrnehmen auf die verschiedenen Dimensionen von Liebe, die er in Liebe! Ein Aufruf erkundet. Anschaulich und schlüssig argumentierend zeigt er, wie die Welt und damit wir alle von dieser Stärkung der Verbundenheit und des Gemeinsinns profitieren könnten, wenn wir Liebe wieder politisch begreifen.

Das reicht von der Liebe zu sich selbst bis hin zu ökologischen Fragen, die die Liebe zur Welt umfassen. Dabei stützt sich Schreiber nicht nur auf eigenes Wahrnehmen und Überlegen, sondern bezieht auch Theorien von renommierten Denker:innen wie Hannah Arendt, Erich Fromm und Albert Schweitzer in seine Reflexionen ein.
Ohne diese Form der Liebe kann es keine Form demokratischer Zusammenarbeit geben, keinen Kompromiss, kein sinnvolles Zusammenleben, keine Hoffnung. Ohne diese Form der Liebe kann es nur Zynismus geben.

Das Ergebnis ist ein so kurzweiliges wie anregendes Buch, das sich nicht nur mit dem Aufzeigen gesellschaftlicher Probleme begnügt, sondern das konkret anleitet, um gesellschaftlich endlich ins Handeln zu kommen und Lösungen herbeizuführen. Daniel Schreibers Buch legt die Liebe in ihrer Vielschichtigkeit und politischen Kraft frei und lädt dazu ein, sich seinem Aufruf anzuschließen, auf dass der Soundtrack der Zeit wieder nach Hoffnung und Zukunft für alle klingen mag.
Marius Müller freut sich, dass Daniel Schreibers Aufruf zu mehr Liebe und Gemeinsinn in der Büchergilde Gutenberg erschienen ist, die als Genossenschaft ja für solchen geforderten Gemeinsinn steht. Auf seinem Blog buch-haltung.com schreibt der Bibliothekar über seine weitere Lektüre.
Der Autor
Daniel Schreiber, geboren 1977, ist Schriftsteller. Mit seinen Texten hat er eine neue Form des literarischen Essays geprägt. Seine Bücher – Nüchtern (2014), Zuhause (2017), Allein (2021) und Die Zeit der Verluste (2023) – wurden vom Feuilleton begeistert aufgenommen und standen teils monatelang auf den Bestsellerlisten und auf der Sachbuch-Bestenliste. Er lebt in Berlin.