Preis
23,00 €
Mirrianne Mahn nimmt uns in ihrem kraftvollen Debütroman Issa mit auf die Reise ihrer schwangeren Protagonistin in deren Geburtsland Kamerun. Dort soll sich Issa den heilsamen Ritualen ihrer Ahnen unterziehen. Mit großem Geschick verknüpft die Autorin die Schicksale von fünf Frauen, deren Leben über ein Jahrhundert auseinanderliegen – begleiten wir sie!

Mirrianne, in Issa folgen wir der Ich-Erzählerin auf ihrem Weg in die Stadt Douala. Sie ist schwanger und soll sich nach dem Willen der Mutter den Zeremonien ihrer Vorfahren unterziehen. Wie bist du auf dieses Thema gekommen?
Nach meiner Recherche zu einzelnen Aktivistinnen während der Kolonialzeit in Kamerun hatte ich zunächst nur den zweiten Erzählstrang geplant, um diese mutigen Frauen dem Vergessen zu entreißen und ihnen ihre Würde zurückzugeben. Issa kam dann als Figur dazu, da sie einen Bezug zur Gegenwart hat. Meine Intention ist es, die Leserschaft mit dem Thema Kolonialismus zu konfrontieren und es ihnen nicht leicht zu machen, die Augen davor zu verschließen. Denn die Geschichte hat mit uns allen zu tun.

Mir geht es in meinem Roman darum, mit dem Blick in die Vergangenheit die Gegenwart zu verstehen und damit die Zukunft zu gestalten.
Du bist als Theatermacherin, Aktivistin, Politikerin und nun auch als Autorin tätig: Ist Issa das Ergebnis deiner bisherigen Laufbahn und deiner Erfahrungen, aus Recherchen und Gesprächen?
Seit fünf Jahren beschäftigt mich die Idee zu dieser Story, aber ich hätte mir nicht träumen lassen, dass ich einst wirklich einen Roman schreibe, der auf so positive Resonanz stößt. Es ist kein autobiografisch geprägter Roman, und doch hat er viel mit mir zu tun. Eine deutsche Gegenwartsgeschichte zu schreiben aus einer noch nicht erzählten, einer afrodeutschen Perspektive, ist etwas, was mich als Künstlerin, als Theatermacherin schon immer inspiriert hat. Meine Arbeit ist davon geprägt, Abschied von, wie Chimamanda Ngozi Adichie es sagt, nur einer einzigen Erzählung über eine andere Person zu nehmen.
Im Roman spielen die fünf Frauen jeweils die Hauptrolle in ihrer Zeit. Was verbindet sie hauptsächlich und was möchtest du damit aufzeigen?
Um eine nachvollziehbare Kontinuität bei den Frauenfiguren abzubilden, habe ich diese matrilinear, also Mutter/Tochter, Mutter/Tochter, verbunden. Ich möchte damit auf der einen Seite Widersprüche und Kontinuitäten aufzeigen, d. h. wie universelle Erfahrungen, u. a. Schmerz und Traumata, von Generation zu Generation vererbt werden. Auf der anderen Seite gibt es für mich auch die unerzählten Geschichten, die weitergegeben werden, und dazu gehört auch die Fremdbestimmung des eigenen Lebens, der alltägliche Kampf und das Aufstehen für mehr Sichtbarkeit.

Mir ist aufgefallen, dass du unterschiedliche Sprachebenen nutzt: Bei Enanga, 1908, ist deine Sprache eher ernsthaft, und bei Issa, 2006, eher lebhaft und teilweise schnoddrig. Was ist der Hintergrund?
Dieser Wechsel in den Sprachebenen ist durchaus beabsichtigt und kommt vom Theater: einen Bruch spielen. Jede Frau bekommt dadurch eine eigene Stimme. Die Unterscheidung betont auch, dass Issa als Deutsche in der Gegenwart aus der Vergangenheit heraus eine eigene Stimme entwickelt hat, eine Stimme, die ohne ihre Ahnen mit deren Erfahrungen nicht so geworden wäre.
Eindrucksvoll verbindest du die verschiedenen Frauenfiguren in ihrer jeweiligen Zeit. Was, würdest du zusammenfassend sagen, ist die Kernaussage deines Romans Issa?
Mir geht es in meinem Roman darum, mit dem Blick in die Vergangenheit die Gegenwart zu verstehen und damit die Zukunft zu gestalten. Während des Schreibens hat mich folgendes Sprichwort begleitet: „Solange der Löwe seine Geschichte nicht erzählt hat und wir nur die Geschichte des Jägers kennen, wissen wir nicht, wie die Jagd gelaufen ist.“ Dieses afrikanische Sprichwort betont nicht weniger als die Macht von Narrativen und wie sie das Verständnis und die Wahrnehmung von Ereignissen beeinflussen können. Es ist ein Aufruf zur kritischen Reflexion und zum Streben nach umfassenderen und vielfältigeren Sichtweisen.
Vielen Dank, liebe Mirrianne, für das Interview.
Die Fragen stellte Stephanie Krawehl.
Preis
23,00 €
Mirrianne Mahn, geboren 1989 in Buea/Kamerun, wuchs in einem kleinen Dorf im Hunsrück auf. Mittlerweile lebt sie in Frankfurt, wo sie sich als Aktivistin und Theatermacherin gegen Diskriminierung und Rassismus engagiert. Sie ist Referentin für Diversitätsentwicklung und Antidiskriminierung und seit 2021 Stadtverordnete in Frankfurt am Main.