Das winzige Rinnsal neben den Heldenliedern


Christa Wolf war eine der bekanntesten, um nicht zu sagen die bekannteste Schriftstellerin der DDR. In ihrem wichtigsten Werk Kassandra erzählt sie die Geschichte von Troja neu. Dabei schreibt sie in der Endphase des Kalten Krieges aber auch einen Roman, der zum Spiegel seiner Zeit wird.

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Der Trojanische Krieg ist der vielleicht größte Mythos der europäischen Kulturgeschichte, seine Helden auch heute noch ein fester Bestandteil von Literatur, Film und Fernsehen. Doch die gängigen Schilderungen von Troja – seien es nun Homers Ilias oder der Hollywood-Film Troja (2004) – sind vor allem eins: männliche Geschichten. Die Frauen sind meist nur Nebenfiguren oder Spielbälle in den Machtkonflikten der Männer. Sie treten auf als Verführerinnen, Geliebte, Sklavinnen oder Botinnen von Unheil. Doch wer sind diese Frauen wirklich?

Genau hier, an diesen Leerstellen einer männlichen Geschichtsschreibung, setzt Christa Wolf mit Kassandra (1983) an. Als intensiven Bewusstseinsstrom erleben wir den Trojanischen Krieg aus Sicht von Kassandra. Sie ist Tochter des trojanischen Königs, Priesterin im Tempel und von den Göttern gleichermaßen gesegnet wie verflucht: Der Gott Apollon verleiht ihr zunächst die Sehergabe, doch als sie sich weigert, mit ihm zu schlafen, verflucht er sie: „Du sprichst die Wahrheit, aber niemand wird dir glauben.“

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feines Leinen – bedruckt mit drei Sonderfarben

Zu Beginn der Erzählung steht Kassandra als Gefangene vor den Toren der griechischen Festung Mykene und lässt die Vergangenheit Revue passieren: ihr geliebtes Troja vor dem Krieg, aber vor allem der aufkommende Konflikt und die Zeit der griechischen Belagerung. Dabei liegt der Fokus eben nicht auf den Schlachtbeschreibungen oder der Darstellung von Heldentaten, sondern vielmehr auf dem Alltag in Troja. Kassandra erinnert sich daran, wie der Krieg ihren Vater verändert und sich eine immer größere Verzweiflung breit gemacht hat, wie sich ein Propagandaapparat entwickelte, der den Sprachgebrauch in der Stadt kontrollierte, wie sie verzweifelt versuchte, sich Gehör zu verschaffen. Dabei gibt es aber auch immer wieder kleine Momente der Hoffnung für Kassandra. Sie findet Zuflucht in einer vorrangig weiblichen Gemeinschaft außerhalb der Festung. Es ist ein Leben, nicht nur geprägt von Politik und Krieg, sondern auch voller Liebe, Freude und Miteinander.

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Wie viele Wirklichkeiten gab es in Troia noch außer der meinen, die ich doch für die einzige gehalten hatte.

Aus: Kassandra

Christa Wolf entwickelte während einer Griechenlandreise und der Lektüre der Orestie des Aischylos fast schon eine Obsession für die Kassandra-Figur: „Ich sah sie gleich. Sie, die Gefangene, nahm mich gefangen, sie, selbst Opfer fremder Zwecke, besetzte mich“, beschrieb sie diese Faszination während ihrer Frankfurter Poetikdozentur. Für die Autorin wird Kassandra zu einer Symbolfigur weiblicher Existenz, Unmündigkeit und Objekthaftigkeit. Wolf erzählt ihre Geschichte in Kassandra neu, herausgelöst aus dem männlichen Mythos. Doch auch die zeitgenössische Situation beeinflusst ihr Schreiben: Der Kalte Krieg, diese dauernde Bedrohung einer atomaren Eskalation, Angst und Bedrückung ziehen sich durch die Zeilen.

Kassandra ist ein intensiver, vielschichtiger Roman. Wolf erschafft nicht nur eine Neuerzählung der Geschehnisse in Troja, sie stiftet auch eine weibliche Geschichtsschreibung, setzt sich mit den Machtverhältnissen zwischen den Geschlechtern auseinander, zeigt, wie Sprache unsere Realität formen kann, welche Gefahren von Propaganda ausgehen, und setzt sich gleichzeitig mit den politischen Verhältnissen eines geteilten Deutschland auseinander. Doch Kassandra ist vor allem eins: die Geschichte einer Frau, die unvorstellbares Leid erlebt und daraus auf der Suche nach Autonomie und ihrem eigenen Ich Stärke entwickelt, erzählt mit einer Dringlichkeit und Emotionalität, die die Lesenden in ihren Bann zieht.

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Die exklusiv für die Büchergilde gestaltete Ausgabe von Kassandra lädt dazu ein, Christa Wolfs Erzählung neu zu entdecken – nicht zuletzt wegen der kraftvollen und farbintensiven Illustrationen der Künstlerin Nadine Prange. Statt einer reinen Darstellung der Antike rückt sie die Geschichte einer Frau in den Mittelpunkt, die Widerständen trotzt und für ihre Überzeugungen kämpft. Ihre Bildauswahl basiert auf besonders eindringlichen Textpassagen, in denen Rhythmus und Poesie eine zentrale Rolle spielen. Besonders fasziniert haben sie die Frauenfiguren der Erzählung, darunter die trojanischen Frauen in den Höhlen und ihr starker Sinn für Gemeinschaft. Wiederkehrende Motive wie die Schlange und das Auge knüpfen an Kassandras Schicksal als Seherin an und verankern die Illustrationen in der magischen Welt der Mythen. 

Bis heute hat der Roman Kassandra nichts von seiner Aktualität verloren. Die Angst vor kriegerischer Eskalation, aber auch seine feministischen Themen, wie die Frage nach weiblicher Selbstbestimmung, sind im Anblick der heutigen Situation (leider) so relevant wie vor 40 Jahren.

Der Krieg, unfähig, sich noch zu bewegen, lag schwer und matt, ein wunder Drache, über unsrer Stadt.

Aus: Kassandra

 

Maria Voßhagen arbeitet als Werkstudentin im Digitalteam der Büchergilde, hat vor kurzem noch eine Hausarbeit zu Kassandra geschrieben und wäre gerne 1982 bei Christa Wolfs Poetikvorlesung dabei gewesen.


Die Götter sterben nie …

Illustratorin Nadine Prange im Büchergilde-Interview

Die Antike mit ihren Mythen und Held:innengeschichten fasziniert bis heute – auch Illustratorin Nadine Prange, die bereits zum zweiten Mal für die Büchergilde das Göttliche in Bildern einfängt. Im Interview spricht sie über Farben als erzählerisches Mittel, Kassandra als feministischen Klassiker und ihr nächstes Projekt.

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Illustratorin Nadine Prange, © Nadine Prange

Kassandra ist nicht dein erstes Projekt, bei dem Götter eine Rolle spielen, auch dein Buch Neon Pantheon zeigt die Welt der griechischen Götter – was fasziniert dich an diesem Thema?

Wenn ich mir überlege, dass die Antike über 2.000 Jahre zurückliegt und die Figuren und Geschichten aus der Mythologie heute immer noch in Kultur, Werbung und Wirtschaft aufgegriffen werden, dann finde ich das beeindruckend. Was verbindet uns im 21. Jahrhundert mit dem Leben und den Vorstellungen von damals?

Ich denke, dass die antiken Mythen es geschafft haben, essenzielle menschliche Bedürfnisse, Beweggründe und Konflikte aufzugreifen und einprägsam und zeitlos zu verpacken. Die Mythen haben den Menschen einst die Welt erklärt: Sind es heute nur noch Geschichten, oder können wir daraus etwas über uns und das Miteinander lernen?

 

Christa Wolfs Kassandra – ein gefeierter feministischer Klassiker, was macht ihn deiner Meinung nach so groß?

In Kassandra kommt uns ein Mythos mit seinem ganzen Ensemble näher. Wir bekommen gewissermaßen einen Blick hinter die Kulissen und einen Einblick in die Gefühlswelt der doch sonst auch immer recht abstrakten Figuren aus der Mythologie. Wir können lesen, wie es vielleicht wirklich gewesen ist und warum, und das aus weiblicher Sicht. Eine Protagonistin mit Verletzungen und Frustrationen, aber auch einer krassen Kompromisslosigkeit in ihrem Sein und in ihren Entscheidungen, die ich inspirierend finde.

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© Nadine Prange

Durch deine Illustrationen in Kassandra ziehen sich kraftvolle und knallige Farben, das Buch wurde mit drei Sonderfarben gedruckt – welche Rolle spielte der Einsatz von Farben?

Ich verbringe viel Zeit mit der Arbeit und Auseinandersetzung mit Farben. Jede Mal- oder Zeichentechnik bringt andere Möglichkeiten mit sich. Ich finde es aufregend, was sich über Farben und die verschiedenen Techniken mit den Farben verändert. Und was ich auch inhaltlich und emotional darüber transportieren kann. Die Beschränkung auf drei Farben bei Kassandra und deren flächiger Einsatz passen für mich gut zu der mystischen Geschichte und ihrer Eindringlichkeit.

 

Hast du eine Lieblingsszene in dem Buch? Oder haben dich gewisse Passagen besonderes inspiriert?

Das Leben in den Höhlen, in die sich die Troianerinnen zurückziehen, hat mich zum Träumen gebracht. Ein Ort der Gemeinschaft, des Lernens und des Zusammenhalts, des Friedens und des Innehaltens, für eine gewisse Zeit, trotz all der Stürme und des Kriegs und des Zerfalls, der auf die Frauen wartet.

 

Woran arbeitest du gerade? Was ist dein nächstes Projekt?

Ich arbeite zurzeit an meinem ersten Kinderbuch, Hunderunde, zusammen mit meinem wunderbaren Kollektiv, das aus den beiden Ideengeberinnen Eva Howitz und Lena Seik von Lokaltextil und der Kinderbuchautorin Frauke Angel besteht. Das Projekt begleitet mich schon seit längerer Zeit. Es ist ein sehr politisches Buch, in dem es darum geht, herauszufinden, wie das mit der Kleidungsindustrie funktioniert bzw. eben nicht funktioniert und was wir alle tun können, um es besser zu machen. Trotz des harten Themas haben wir sehr poetische, nachdenkliche und auch witzige Motive gefunden, und die habe ich dann in meinen Zeichnungen umgesetzt.

 

Lieben Dank für das Gespräch, Nadine Prange!

 

Die Fragen stellte Lea-Marie Rabe.

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© Nadine Prange
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Die Autorin

Christa Wolf (1929–2011), geboren in Landsberg/Warthe (Gorzów/Wielkopolski), lebte in Berlin und Woserin, Mecklenburg-Vorpommern. Ihr Werk wurde mit zahlreichen Preisen,darunter dem Georg-Büchner-Preis, dem Thomas-Mann-Preis und dem Uwe-Johnson-Preis, ausgezeichnet.


Die Illustratorin

Nadine Prange, geboren 1980 in Düsseldorf, studierte an der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig und schloss als Meisterschülerin bei Thomas M. Müller ab. Ihr Diplom-Buch Neon Pantheon, das bei der Büchergilde Gutenberg erschien, ist eine zeitgenössische Interpretation der griechischen Götterwelt und wurde bei den „Schönsten deutschen Büchern“ ausgezeichnet. Sie arbeitet als Illustratorin und Grafikerin in Leipzig.


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