Über Grenzen hinweg


Die andere Stadt des preisgekrönten Autors Michal Ajvaz ist eine literarische Entdeckung ersten Ranges. Mit hoher Sprachkunst führt der Roman neben realen Schauplätzen in eine geheimnisvolle Parallelwelt in Prag: eine moderne Odyssee voller Überraschungen und funkensprühender Fantasie.

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Was sind das für geheimnisvolle Buchstaben und Bilder? Michal Ajvaz’ Ich-Erzähler betritt in Die andere Stadt ein Antiquariat in Prag, wo er zufällig ein illustriertes Buch findet, dessen Schrift er nicht entziffern kann. Seine Recherchen bei einem Bibliothekar lüften ein Geheimnis: „Die Grenze unserer Welt ist nicht fern, sie liegt am Horizont oder in den Tiefen; sie schimmert in nächster Nähe, an den halbdunklen Rändern unseres engen Lebensraums – aus den Augenwinkeln blicken wir ständig, ohne es zu merken, in die andere Welt.“

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Nur wenige wagen es, über die schwankende Brücke in die Dunkelheit aufzubrechen, auch wenn viele wissen, dass sie an deren Ende ihren Namen vergessen und die Stirn an das kühle Metall der Rohrleitung legen dürfen, durch die die Milch verzweifelter Tiere in die phantastischen Küstenstädte strömt.

Aus: Die andere Stadt

Der Erzähler macht sich sofort auf die Suche nach der geheimnisvollen Fremde. Damit beginnt eine Odyssee in 22 Stationen durch das Prag der späten 1980er- und der frühen 1990er-Jahre. Reale Schauplätze der Stadt vermischen sich mit geisterhaften Landschaften, Räumen und Figuren. Es wimmelt von traurigen Göttern, wilden Tieren, essbaren Büchern mit Lotusgeschmack und hohlen Statuen mit verrücktem Innenleben: anziehend und erschreckend zugleich. Die andere Stadt ist eine Neben- oder Unterwelt, die uns Ajvaz höchst fantasievoll zeichnet. Das Buch erscheint zur Frankfurter Buchmesse 2026, die Tschechien als Gastland präsentiert.

Der vielfach preisgekrönte Autor wurde 1949 in Prag geboren und erlebte nach seinem Studium die Jahre des kommunistischen Regimes im „inneren Widerstand“, arbeitete als Hausmeister, Nachtwächter und Pumpenwart. Gleichzeitig begann er zu schreiben und veröffentlichte 1989 seinen ersten Roman. Seine Werke wurden bislang in 24 Sprachen übertragen. Die andere Stadt erschien im tschechischen Original 1993, die deutsche Erstausgabe in der großartigen Übersetzung von Veronika Siska 2025.

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Sein Roman ist keine leichte Lektüre. Leser:innen müssen sich auf die rätselhaften Ereignisse einlassen, werden aber mit einer großartigen Sprachvielfalt belohnt. Alle Sinne ansprechend, kombiniert Ajvaz in den Abenteuern, die sein Protagonist erlebt, Licht, Musik, Farben, Formen und Gerüche. Gefährliche Gegner müssen besiegt werden, verführerische Frauen kreuzen den Weg des Helden, Irrwege führen ins Dunkle, aber auch zu überraschenden Erkenntnissen. Eine mysteriöse grüne Trambahn aus Marmor durchkreuzt immer wieder die Stadt, sie kann die Gleise ohne Probleme verlassen. Wenn auf einem Philosophiekongress vorgeschlagen wird, dass „das Hauptproblem der Metaphysik nach Nussmüsli-Art zu lösen ist“, gibt Witz dem Text zusätzliche Würze. 

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Während sich im Roman selbst keine Anspielungen auf die Politik der damaligen Zeit, auf ein Prag im Umbruch finden, verweist der Slawist Tomáš Glanc in seinem erhellenden Nachwort allerdings darauf, dass der Kontext im Hintergrund vorhanden ist. Die andere Stadt gehörte zum literarischen Underground Tschechiens, Michal Ajvaz verließ bewusst den staatlichen Realsozialismus, um eine fantastische Alternative zu bieten.

„Um Gottes willen, wohin ging ich, warum kehrte ich nicht, solange noch Zeit war, zurück zu den anderen Menschen? Doch das, was mir aus den Nachtgärten und von den Rändern unserer Räume entgegenwehte, hatte mich schon fest in der Macht“, seufzt der Erzähler. Bei der Lektüre von Die andere Stadt ist es ähnlich: Der Roman öffnet eine Tür zu einer Welt, die die Leser:innen am Ende nur ungern verlassen.

 

Lutz Lenz genießt die Fremde in Südfrankreich (Labeyrie-bnb.com) und schreibt Literaturtipps auf lenz.liest bei substack.


Der Autor

Michal Ajvaz, geboren 1949 in Prag, studierte Tschechisch und Ästhetik an der Karls-Universität in Prag. Während des kommunistischen Regimes zog er sich in die „innere Emigration“ zurück, schrieb ohne Aussicht auf Veröffentlichung und arbeitete in verschiedenen Berufen. Seit 1994 ist er freischaffender Autor. Seine Gedichte, Erzählungen, Romane, Essays und theoretischen Studien wurden bislang in 24 Sprachen übersetzt.


Die Übersetzerin

Veronika Siska, geboren 1976 in Prag, wuchs zweisprachig in München auf und studierte in Paris, München und Prag. Seit 2000 arbeitet sie als freiberufliche Übersetzerin und Lektorin. Seit 2022 organisiert sie Lesereihen als Kulturvermittlerin. 2024 gründete sie den Allee Verlag für europäische Literatur, in dem die Werkausgabe der Lyrik- und Prosatexte von Michal Ajvaz erscheint.


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