In den Körper eingeschrieben
Auf erfrischend ungewöhnliche Weise erzählt Jegana Dschabbarowa vom Kampf einer Frau mit ihrem konservativen Umfeld. Anhand von elf Körperteilen lässt sie in ihrem Debütroman die eigene Familiengeschichte, die erdrückende Macht von Geschlechterrollen und den Willen zur Selbstbestimmung lebendig werden.

Dass unser Körper nicht einfach sein darf, wie er ist, dass andere über ihn bestimmen wollen und Erwartungen an ihn stellen, diese Erfahrung machen wohl die meisten Frauen. Jegana Dschabbarowa, die aus einer aserbaidschanischen Familie in Russland stammt, erzählt in ihrem Romandebüt Die Hände der Frauen in meiner Familie waren nicht zum Schreiben bestimmt vom Aufwachsen in einer konservativen Umgebung und davon, wie es sich anfühlt, nicht über den eigenen Körper bestimmen zu dürfen: Mit den Händen soll nicht geschrieben, sondern im Haushalt gearbeitet werden, die Haare sollen lang getragen werden, um Heiratsanwärtern zu gefallen, im Bauch sollen nach der Hochzeit die Babys wachsen und die Beine müssen in jedem Fall züchtig verhüllt sein. Mit jedem Körperteil ist eine eigene Geschichte verbunden, der die Autorin je ein eigenes Kapitel im Roman widmet.
Es war nicht leicht, sich einzugestehen, dass sie nie über ihre Körper verfügen konnten, dass sie nie aufgehört hatten, Objekte fremder Begierde, gesellschaftlichen Drucks und männlicher Macht zu sein.

Durch alle Geschichten zieht sich der Versuch, trotz allem über sich selbst zu bestimmen und einen eigenen Weg zu finden – was der Protagonistin auch deshalb schwerfällt, da sie den Kontrollverlust über den eigenen Körper noch auf eine andere Weise erlebt: Sie ist an Dystonie erkrankt, einer neurologischen Bewegungsstörung, die ihre Muskeln verkrampfen lässt und ihr Schwierigkeiten beim Sprechen macht. Das wiegt umso schwerer, da ihr schon in der Kindheit vorgelebt wurde, dass man als Frau den Mund zu halten hat. Die gewalttätigen Wutausbrüche des Vaters, der regelmäßig die Mutter verprügelte, lehrte die Frauen im Haus, „zu schweigen, unsere Hoffnungen und Träume für uns zu behalten“. Doch die Erzählerin findet ihre eigene Stimme und ihren eigenen Weg schon in der Kindheit: „Ich konnte meinen Blick nicht senken und meinen Mund nicht halten.“ Sie wird Ärger machen, denken die älteren Frauen in der Familie. Und später, als sie auch mit dreißig noch nicht verheiratet ist und das Schreiben für sich entdeckt hat, blickt man eher mitleidig als zornig auf sie, als wäre sie „nicht ganz vollwertig als Frau“.

Die eigene Stimme zu finden bedeutet für die Erzählerin auch, sich zwischen den Sprachen zu bewegen. Herkunft und Fremdheit ziehen sich als weiteres Thema durch den Roman. In Russland hat die aserbaidschanische Familie mit Ausgrenzung und Rassismus zu kämpfen und mit dem Verlust der eigenen Sprache. Wie kann es sein, fragt sich die Erzählerin, „dass die einzige Sprache, in der ich mich ausdrücken konnte, keine liebevollen Worte für mich hatte – sie schleuderte mir Beleidigungen entgegen wie tote Maiskörner, erinnerte mich daran, dass ich schwarz, anders, Affe, Ausländer, Kanake, eine Fremde war“. Auch diese Abwertung durch die Mehrheitsgesellschaft lässt sich am Körper festmachen: Die Augen der beliebten Mädchen in der Schule sind immer blau oder grün, niemals braun.

Dschabbarowa schreibt auf Russisch, doch ihre poetische Sprache – von Maria Rajer elegant ins Deutsche übertragen – steckt voller Verweise auf die aserbaidschanische Kultur und Tradition. Die Hände der Frauen in meiner Familie waren nicht zum Schreiben bestimmt erzählt eine persönliche Geschichte, die hochpolitisch ist und dabei an Größen wie Annie Ernaux oder Édouard Louis erinnert. Zugleich ist Dschabbarowas Ton wärmer und ihr Erzählen bildhafter als in den meisten autofiktionalen Texten. Sie zeigt, dass eine Geschichte über patriarchale Gewalt und erdrückende gesellschaftliche Erwartungen wunderschön und befreiend sein kann.
Norma Schneider ist freie Lektorin, Journalistin und Sachbuchautorin. Sie lebt in Frankfurt am Main, schreibt über queere Themen und liest am liebsten Bücher aus Osteuropa.
Die Autorin
Jegana Dschabbarowa, geboren 1992 in einer aserbaidschanischen Familie in Jekaterinburg/Russland, ist Dichterin, Essayistin und Wissenschaftlerin. Die Hände der Frauen in meiner Familie waren nicht zum Schreiben bestimmt ist ihr Debütroman. 2024 war sie gezwungen, Russland zu verlassen, sie lebt heute in Hamburg.
Die Übersetzerin
Maria Rajer, geboren 1987 in Ust-Kamenogorsk, Kasachstan, studierte Slawistik und Germanistik an der Staatlichen Universität St. Petersburg und der Humboldt-Universität zu Berlin. Seit 2013 arbeitet sie als freie Übersetzerin aus dem Russischen. Zu den von ihr übersetzten Autor:innen gehören Mikita Franko, Dmitri Gluchowski, Wassili Grossman, Andrej Platonow und Oxana Wassjakina.