„Fake News“ im alten Preußen


Der australische Historiker und Bestsellerautor Christopher Clark geht einer skandalösen Denunziationskampagne im Königsberg des Jahres 1835 gegen zwei charismatische Prediger auf den Grund. Skandal in Königsberg ist ein exzellent recherchiertes Sachbuch mit Krimiqualitäten.

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Mit seinem Buch Skandal in Königsberg schlägt Christopher Clark ein verstörendes Kapitel in der Geschichte Preußens auf. Eher zufällig entdeckte der renommierte Historiker und Preußen-Experte bei seinen Recherchen einen ausführlich dokumentierten Gerichtsprozess, der sich 1835/36 in Königsberg zugetragen hat. Als er den Ereignissen in den Archiven nachspürt, stößt er auf einen amtlich orchestrierten Angriff auf zwei Prediger, deren hochgeschätzte Seelsorgetätigkeit dadurch in Verruf gerät.

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Die Gegner (…) strebten einen unbedingten Sieg über die widerspenstigen Kirchendiener an: Deren Ansehen sollte ruiniert werden; sie mussten aus dem öffentlichen Leben entfernt werden.

Aus: Skandal in Königsberg

Die Zeiten, die uns Clark mit seiner als Von Moral, Medien und Politik aus dem alten Preußen untertitelten Geschichte nahebringt, sind durchdrungen von religiösem Eifer. Überall im Land schießen separatistische Erweckungsbewegungen aus dem Boden und konkurrieren nicht nur mit der Hoheit der 1817 offiziell etablierten evangelisch-christlichen Einheitskirche, sondern stellen auch den staatlich verordneten Rationalismus der Regierung infrage. Als in Königsberg Mitte der 1830er-Jahre Gerüchte über die Ermunterung zu Unzüchtigkeiten und exzessiver sexueller Hingabe in einer christlichen Gemeinde aufkochen, erhitzt dies die Gemüter und animiert die Presse. Bald schon heißt es, der allseits beliebte Prediger Johannes Ebel sabotiere mit seiner „bizarren Sekte“ den Glauben an Fortschritt und Vernunft. Was steckt dahinter?

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Clark studiert Briefe, Schmähschriften, Artikel und Prozessakten und bringt in Skandal in Königsberg nach und nach die Beweggründe der beteiligten Protagonisten zum Vorschein. Er skizziert die ungewöhnlich steile Prediger-Karriere des Hauptangeklagten Ebel ebenso, wie er auf die theosophischen Spekulationen des Exzentrikers Johannes Heinrich Schönherr eingeht, dessen Bezug zur Verbindung zwischen Spiritualität und Natur Ebel inspiriert. Während Schönherr, getragen von vermeintlichen Erleuchtungen und Eingebungen, aber zunehmend in Verruf gerät, gewinnt der als zurückhaltend beschriebene Ebel beträchtlich an Ansehen. Die einfühlsame Art, mit der er Seelsorge betreibt, bewegt vor allem Frauen aus angesehenen Kreisen dazu, Vertrauen zu ihm zu fassen. Freilich gefällt das nicht allen, und bald ist von dunklen erotischen Ritualen die Rede, die sich hinter den Toren der Kirche abspielen sollen. Von sexuellen Ausschweifungen ist die Rede, vor lauter körperlicher Erregung soll es sogar zu Todesfällen kommen. Behörden schlagen Alarm, die Öffentlichkeit fühlt sich genüsslich entsetzt. Und so kommt es zum Prozess.

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Die von Christopher Clark geschilderte Gerüchte- und Denunziationskampagne gegen den Kreis um Johannes Ebel gehört in eine Zeit lange vor den Sozialen Medien. Umso eindrücklicher zeigt sie, wie zeitlos die Instrumentalisierung von Moral, Medien und Politik die Geschicke der Welt bewegt. In Skandal in Königsberg beweist der Bestsellerautor von Die Schlafwandler, einem vielfach ausgezeichneten Buch über den Ersten Weltkrieg, erneut sein Talent, aus einer bislang unbelichteten historischen Episode eine spannende und aufschlussreiche Geschichte zu machen. Meisterhaft verbindet er Analyse mit konkreten Fakten und legt damit ein universelles Panorama dessen vor, wie Skandale aus persönlichen Motiven und bürokratischer Willkür erwachsen und welches Unheil sie anrichten. Skandal in Königsberg ist nicht nur ein unbekanntes Stück deutscher Geschichte mit erschreckenden Parallelen zur Gegenwart, sondern auch spannend geschrieben wie ein Krimi. Unbedingt lesenswert.

 

Ute Süßbrich streift in ihrer Freizeit gern durch Museen, skizziert und notiert ihre Eindrücke in kunstundkaffeeblog.wordpress.com.


Der Autor

Christopher Clark, geboren 1960, lehrt als Professor für Neuere Europäische Geschichte am St. Catharine's College in Cambridge. Sein Forschungsschwerpunkt ist die Geschichte Preußens. Für sein Buch Preußen. Aufstieg und Niedergang 1600–1947 erhielt er 2007 den renommierten Wolfson History Prize sowie 2010 als erster nicht-deutschsprachiger Historiker den Preis des Historischen Kollegs. Für seine Verdienste um die anglo-deutschen Beziehungen wurde Clark 2015 von Elisabeth II. zum Ritter geschlagen.


Der Übersetzer

Norbert Juraschitz, geboren 1963 in Bergenweiler, hat in Tübingen und Wien Osteuropäische Geschichte und Slawistik studiert. Er lebt in Tübingen und übersetzt historische und politische Sachbücher aus dem Englischen und Russischen, u. a. von Henry Kissinger, Kristina Spohr, Jung Chang und Ai Weiwei.


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