Alles andere als normal


Wer ist Sascha Sokolow? Diese Frage stellte sich die Literaturwelt, als sich im Jahr 1976 der bis dahin völlig unbekannte Autor mit einem Roman gewordenen Paukenschlag namens Die Schule der Dummen zu Wort meldete. Schon die Vorgeschichte zu diesem Debüt ist außergewöhnlich. Denn viele der biografischen Wegmarken Sokolows liegen hinter einem Schleier verborgen – oder besser gesagt: hinter dem ehemaligen Eisernen Vorhang.

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Sokolow wurde 1943 im kanadischen Ottawa geboren, wo sein Vater mutmaßlich für den russischen Militärgeheimdienst GRU spionierte. Infolge seiner Ausweisung musste die Familie zurück nach Moskau ziehen, wo Sokolow nach einem gescheiterten Fluchtversuch schließlich an der Staatlichen Universität von Moskau Journalistik studierte. Zeitweise als Jäger, Holzfäller und Heizer tätig, verfasste Sokolow kleinere Texte und Reportagen, ehe er im Jahr 1973 die Arbeiten an Die Schule der Dummen abschloss, während er in der russischen Provinz nahe der Wolga als Wildhüter arbeitete.

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Es gibt keinerlei Reihenfolge, die Tage kommen, wenn es ihnen passt, manchmal auch ein paar auf einmal. Es kommt auch vor, dass ein Tag lange nicht kommt.

Aus: Die Schule der Dummen

In Russland konnte der Roman allerdings nicht erscheinen. Er fiel, wie die zwei späteren Romane Sokolows, der dortigen Zensur zum Opfer und durfte in seinem Heimatland erst 1989 veröffentlicht werden. Es ist Sokolows österreichischer Ehefrau Johanna Steindl zu verdanken, dass das Buch wenigstens im Westen publiziert werden konnte: Sie schmuggelte das Manuskript persönlich aus der Sowjetunion heraus. Zuvor hatte sie sich schon mit einem aufsehenerregenden Hungerstreik im Wiener Stephansdom dafür eingesetzt, dass Sokolow ein Visum zur Ausreise aus der Sowjetunion erhielt.

Lange blieb Sokolow nach der erfolgreichen Ausreise allerdings nicht in Österreich. Sein Lebensweg führte ihn aus dem Wienerwald nach Nordamerika, wo er bis heute lebt. Als Autor trat er seit der Veröffentlichung seines dritten und letzten Buchs Palisandriia im Jahr 1985 nur noch mit kurzen Formen in Erscheinung. Ein seither fertiggestelltes Manuskript verbrannte, eine Veröffentlichung weiterer Werke strebt er nicht mehr an, obgleich er eigenen Angaben zufolge noch immer schreibt.

Das ist ausnehmend schade, da schon sein Debüt Die Schule der Dummen mit seiner virtuosen Erzähltechnik eines Stream of Consciousness glänzt, den man so bis dato allenfalls von James Joyce oder Virginia Woolf kannte.

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Sascha Sokolow führt in diesem Roman das Goethe’sche Diktum der zwei Seelen, die in einer Brust wohnen, konsequent zu Ende. Sein Erzähler ist ein Schüler, der eine Sonderschule – die titelgebende Schule der Dummen – besucht. Er liegt im erzählerischen Widerstreit mit sich selbst. Beständig wetteifern diese beiden Erzähler miteinander, umkreisen sich und mischen sich in die Gedanken des anderen ein. Es ist eine Literatur gewordene dissoziative Persönlichkeitsstörung, die uns Sascha Sokolow hier präsentiert. Mit großer Erzähllust springt er durch die beiden unterschiedlichen Gedankenwelten, und das im wahrsten Sinne des Wortes ohne Punkt und Komma. Sokolows Sätze ergießen sich oftmals über ganze Seiten, strukturiert allenfalls von Kommata. So sprunghaft wie das Erzählen ist auch die Interpunktion des Romans.

Die Schule der Dummen ist eine kraftvolle und wilde Sprach-Rhapsodie, die fantastisch und mit viel Feingefühl für alle Eigenarten Sokolows von Wolfgang Kasack aus dem Russischen übertragen wurde. Sie ist ein Gedankenstrom, der einen glatt mitreißt, wenn man nicht gut aufpasst.

So kommt der Erzähler vom Aufwachsen mit Vater und Mutter in einer Datsche über Anmerkungen zu seinen Lehrkräften auf beschmierte Klotüren zu sprechen, um seine Aufmerksamkeit dann Eisenbahnwaggons zu widmen, die ihn merklich faszinieren. Mal trägt er sich mit dem Gedanken, seine Lehrerin zu ehelichen, dann möchte er eine Streichholzschachtel in einer Poststelle stempeln lassen.

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Stimmen, Zeiten, Bewusstseinszustände und Themen überlagern sich, tauchen plötzlich aus dem Erzählstrudel auf, um gleich wieder zu verschwinden und einem neuen Gedanken Platz zu machen. Wie sein Autor bleibt auch der Text in Teilen ein Rätsel. 

Möchte man Sokolows Roman mit einer Bahnfahrt vergleichen, wie sie der Erzähler schätzt, so ist eine Reise an Bord von Die Schule der Dummen eine turbulente Angelegenheit. Die Weichen werden scheinbar willkürlich gestellt, immer wieder nimmt die Strecke völlig unvorhersehbare Abzweigungen, verschiedenste Kapitel sind bei dem literarischen Zug aneinandergekoppelt – und der Reiseplan besitzt überhaupt keine Gültigkeit. Noch nicht einmal die Uhrzeit an Bord stimmt mit der draußen auf dem Bahnsteig überein.

Bei so viel erzählerischem Furor ist es wunderbar, dass man eine Reisebegleitung in Form der Illustratorin Galya Popova hat. Sie ergänzt die Literatur mit ihren Schwarz-Weiß-Zeichnungen und greift sich ein zelne Elemente aus dem Erzählstrom heraus, die sie mit kräftigem Strich und Mut zur Textur darstellt.

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Das erinnert mal an Schreibübungen, mal an Hefteinträge und Tafelbilder aus der eigenen Schulzeit, etwa, wenn sie sich aus dem Textfluss das Pawlow’sche Experiment der Konditionierung von Hunden herauspickt und illustriert.

Die Bildwelten der Künstlerin, die wie Sokolow in Moskau studierte, sind die perfekte Ergänzung zu dessen wilder Sprachwelt. Dank ihrer handgezeichneten Illustrationen voller rauer Schatten und grob skizzierter Elemente vor rauschendem Hintergrund kann man sich aus dem Erzählstrudel kurz herausnehmen und bei einer Bildbetrachtung innehalten, ehe man wieder in den Text stürzt, der sich über die Seiten zieht wie der Fluss Lethe, der als Motiv immer wiederkehrt.

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Sokolows Erzählen fordert heraus und bricht jegliche Erwartungen, die sich während der Lektüre aufgebaut haben mögen. Das zeigen auch die Nachworte der renommierten Literaturkritikerin Iris Radisch und von Galya Popova selbst, die ihren Blick auf das Werk des Künstlers richten.

Dass Sascha Sokolows Erzählen alles andere als konventionell ist, blieb auch dessen Landsmann Vladimir Nabokov nicht verborgen, der dieses Debüt als einen der besten sowjetischen Romane seit Langem rühmte.

Auch fünfzig Jahre nach diesem Lob haben Nabokovs Worte Bestand. Es ist der erzählerische Mut und die mitreißende Ausgestaltung der Innenwelten, die Die Schule der Dummen literarisch so herausragend wie zeitlos machen. Dass Galya Popova ihre Bilder nun zu dieser diffizilen inneren Welt dazugibt, ist ein Glücksfall und beweist, dass jener Paukenschlag, mit dem Sascha Sokolow 1976 die literarische Bühne betrat, auch heute noch nachhallt, und das sehr kräftig!

 

Marius Müller ist nach 220 Seiten Lektüre dann doch noch aus dem wilden Erzählstrudel aufgetaucht, in den ihn Sascha Sokolow gestoßen hat. Auf seinem Blog buch-haltung.com schreibt der Bibliothekar über seine weitere Lektüre.

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Der Autor

Sascha Sokolow, geboren 1943 in Ottawa, Kanada, ist einer der bedeutendsten russischen Autoren des 20. Jahrhunderts. Sein Vater war Major des Geheimdienstes der russischen Botschaft, weswegen die Familie 1946 nach Moskau zurückkehren musste. 1962 begann er ein Studium der Sprachen Englisch und Spanisch am Militärinstitut; von 1966 bis 1971 studierte er Journalismus an der Moskauer Universität. Seit 1976 lebt Sascha Sokolow in Nordamerika.


Die Illustratorin

Galya Popova, geboren 1978 in Moskau, ist Malerin und Buchillustratorin. Ihre künstlerische Ausbildung absolvierte sie u. a. in den Bereichen Malerei und Szenografie. Seit 2007 ist sie freiberufliche Künstlerin und nahm seitdem an zahlreichen internationalen Einzel- und Gruppenausstellungen teil. Galya Popova lebt in Bonn. 


Der Übersetzer

Wolfgang Kasack (1927–2003) war Professor der Slavischen Philologie an der Universität zu Köln, Direktor des Slavischen Instituts und vielfach als Übersetzer aus dem Russischen tätig. Sein Lexikon der russischen Literatur des 20. Jahrhunderts gilt als Standardwerk. Für seine Leistungen im Dienste der deutsch-russischen kulturellen Beziehungen wurde er 1996 in Moskau Ehrendoktor des Literaturinstituts.


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