Über Roboter, KI und den Wert menschlicher Arbeit


Karel Čapeks Drama W.U.R. ist als Klassiker der Science-Fiction-Literatur in die Geschichte eingegangen, weil es den Begriff „Roboter“ prägte. Hundert Jahre nach seiner Veröffentlichung erzählt es uns sogar mehr über die Zeit, in der wir leben, als über die Zeit, in der es entstanden ist.

17734X_Capek_WUR_3D_01.png

Als der tschechische Erfolgsautor Karel Čapek 1920 sein „utopisches Kollektivdrama“ W.U.R. Werstands Universal Robots veröffentlichte (auch unter seinem Originaltitel R.U.R. Rossum’s Universal Robots bekannt), prägte er darin einen Begriff, der die Welt erobern sollte: den des Roboters. Abgeleitet vom slawischen Ausdruck „robota“ für „Zwangsarbeit“, sind Roboter bei Čapek aber keine metallenen Maschinen, sondern erinnern an menschliche Klone, die produziert werden, um Arbeiter zu ersetzen.

17734X_Capek_WUR_IL_01.jpg

Das Stück beginnt, als Helene Glory, Tochter des Präsidenten einer großen Industrienation, auf einer Insel die Werke von Werstands Universal Robots besucht, dem weltweit einzigen Unternehmen, das Roboter produzieren kann. Dort trifft sie auf die W.U.R.-Führungsriege rund um den Generaldirektor Harry Domin. Schnell wird deutlich, dass es sich bei ihrem Besuch nicht nur um eine repräsentative Stippvisite handelt. Vielmehr versucht sie, die Roboter, in denen sie lebende und fühlende Wesen sieht, zu einer Revolte anzustacheln.

Man muss töten und herrschen, will man wie die Menschen werden. Lest die Geschichte! Lest die Menschenbücher! Ihr müsst herrschen und morden, wollt ihr Menschen sein!

Aus: W.U.R.

17734X_Capek_WUR_IL_02.jpg

Zehn Jahre später, Helene lebt noch immer auf der Insel, ist von W.U.R.s Utopie, die Menschheit in ein goldenes Zeitalter des Überflusses zu führen, in dem niemand mehr Arbeit ausführen muss, nicht mehr viel übrig. Weltweit hatten Arbeiter versucht, die Roboter, die ihnen die Arbeitsplätze streitig machten, zu zerstören, woraufhin diese von Kapitalisten mit Waffen ausgestattet wurden und unzählige Aufständische töteten. Domins lapidarer Kommentar dazu: „Das ist nur ein Übergang in neue Verhältnisse.“ Die Roboter verwandeln sich in einen Fluch. Nachdem sie als Teil einer Optimierungsstrategie mit einem Bewusstsein ausgestattet werden und ihre eigene Überlegenheit begreifen, verfolgen sie nur noch ein Ziel: die Vernichtung aller Menschen.

17734X_Capek_WUR_IL_03.jpg

Ausgehend von diesem Konflikt, entwickelt Čapek eine beeindruckende philosophische Reflexion darüber, was der Wert menschlicher Arbeit ist und was es überhaupt bedeutet, ein Mensch zu sein. Er nimmt damit erschreckend präzise die Debatten vorweg, mit denen wir uns heute im Kontext der Künstlichen Intelligenz konfrontiert sehen. Das Stück macht aber nicht nur seine beinahe prophetische Weitsicht zu einem literarischen Meisterwerk – es ausschließlich mit Blick auf moderne KI-Diskurse zu lesen würde ihm nicht gerecht –, sondern auch, wie genau Čapek die Absurditäten unseres Wirtschaftssystems als Ganzes darstellt.

Als die Protagonist:innen in W.U.R. von Robotern umzingelt sind und den eigenen Tod fürchten, besteht die einzige Sorge des obersten Finanzaufsehers darin, die Buchführung in Ordnung zu bringen. Begeistert ruft er angesichts der Umsatzzahlen des vergangenen Jahres aus: „Herrgott, eine halbe Milliarde!“

17734X_Capek_WUR_IL_04.jpg

Karel Čapeks Botschaft, dass Menschen mehr sind als bloße Arbeitsmaschinen, Arbeit gleichzeitig aber auch einen Wert an sich hat, wird durch die gewollt rohe Ästhetik der beeindruckenden Illustrationen von Janna Klävers verstärkt. Zwei kurze Nachworte ordnen das Stück gekonnt ein und verdeutlichen, warum die Wiederentdeckung des Autors ein Highlight des tschechischen Gastlandauftritts auf der Frankfurter Buchmesse ist. Jürgen Kaube hebt dabei die Bedeutung menschlicher Kreativität am Beispiel von Čapeks eigenem Werk hervor. „Er war nicht berechenbar. Er war kein Rechner“, resümiert der FAZ Herausgeber. „Deshalb konnte er so intelligent schreiben.“

 

Daniel Stähr ist freier Autor, Journalist und Ökonom. Zuletzt erschien von ihm Die neuen Propheten. Wie Ökonomen unsere Zukunft verspielen im S. Fischer Verlag.


Der Autor

Karel Čapek (1890–1938) studierte Philosophie in Prag, Berlin und Frankreich und arbeitete als Journalist, Dramaturg und Regisseur in Prag. Er schrieb fantastische, satirische und philosophische Romane und Dramen und zählt zu den bedeutendsten tschechischen Autoren des 20. Jahrhunderts. International bekannt wurde er vor allem durch seinen Science-Fiction-Roman Der Krieg mit den Molchen (1936). Čapek starb 1938 in Prag.


Die Illustratorin

Janna Klävers, geboren 1987 in Hannover, studierte Kommunikationsdesign an der Muthesius Kunsthochschule in Kiel und machte ihren Master im Bereich Illustration/Fiction an der HAW Hamburg. Sie zeichnet Comics und illustriert für verschiedene Magazine und Verlage. Ihre Arbeiten waren in zahlreichen Ausstellungen zu sehen. 2019 erhielt sie ein Comic-Förderstipendium der Berliner Senatsverwaltung für Kultur und Europa. Sie lebt in Berlin.


Der Übersetzer

Otto Pick (1887–1940), in Prag als Sohn eines jüdischen Kaufmanns geboren, war mit Franz Werfel, Franz Kafka, Max Brod und Else Lasker-Schüler befreundet. 1912 erschien sein erster Gedichtband Freundliches Erleben. Er war auch als Übersetzer und Vermittler deutscher und tschechischer Literatur sowie als Feuilletonredakteur der Prager Presse tätig. 1939 emigrierte er nach Großbritannien.


Weitere Empfehlungen