„Mein Heimweh hieß Savignyplatz“


Mit Leichtigkeit, Humor und großer Zuneigung nähert sich Volker Weidermann in Wenn ich eine Wolke wäre der jüdischen Dichterin Mascha Kaléko und erzählt vom entscheidenden Jahr ihres Lebens: 1956, das Jahr, in dem sie nach siebzehn Jahren im Exil nach Deutschland zurückkehrt. Wird sie in der alten Heimat finden, wonach sie sucht?

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Mascha Kaléko, 1907 als Tochter eines russischen Vaters und einer österreichischen Mutter in Galizien geboren, verbringt ihre Schul- und Studienzeit in Berlin. Bereits ab den 1920er-Jahren werden ihre Gedichte in Zeitungen und Zeitschriften abgedruckt und erfreuen sich großer Beliebtheit. Mit dem Erscheinen ihres ersten Gedichtbands Das lyrische Stenogrammheft im Januar 1933 – dem Jahr, in dem die NS-Bücherverbrennungen stattfinden – wird sie weit über Berlins Stadtgrenzen hinaus bekannt. 1938 verlässt sie in letzter Sekunde gemeinsam mit Ehemann Chemjo Vinaver und Sohn Steven Deutschland in Richtung der USA. Ein neues Leben in New York beginnt. Doch die Erinnerung an die „paar leuchtenden Jahre“ in Berlin, wo sie zur gefeierten Dichterin geworden war, lässt sie nicht los.

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„Einmal möcht ich es noch sehen, jenes Land, / Das in fremde Welten mich verbannt, / Durch die wohlbekannten Gassen gehen, / Vor den Trümmern meiner Jugend stehen – / Heimlich, ungebeten, unerkannt …“, schreibt Kaléko im US-amerikanischen Exil. Erst 1956 macht sie sich nach langem Zögern auf den Weg. Zu groß ist die Angst, von ihrer geliebten Heimat Deutschland erneut enttäuscht zu werden.

Volker Weidermann, ZEIT-Journalist, Autor und ehemaliger Gastgeber des Literarischen Quartetts, folgt Mascha Kaléko auf dieser „Reise ihres Lebens“, wie es im Untertitel seines Buchs Wenn ich eine Wolke wäre heißt. Die Konzentration auf das Jahr 1956 erweist sich als überzeugende erzählerische Entscheidung. Weidermann zeichnet auf Basis von Tagebucheinträgen und Briefen, die Kaléko täglich an ihren in New York gebliebenen Mann schreibt, eindrücklich ihr Wechselbad der Gefühle nach: ihre Hoffnung auf das Wiederanknüpfen an den alten Erfolg, auf einen Neuanfang in der Heimat – und zugleich die schmerzliche Erkenntnis, dass diese Heimat nicht länger existiert, dass viele Deutsche dem Schicksal der Vertriebenen nur Gleichgültigkeit entgegenbringen.

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Wie viele Jahre hatte sie von diesem Moment geträumt? Wie viele sich vor ihm gefürchtet? Vor den Menschen, der Zerstörung, den alten Träumen, wie sehr sich nach dem Frühling dort gesehnt, der Luft, der Spree, dem Romanischen Café?

Aus: Wenn ich eine Wolke wäre

Der Autor porträtiert Kaléko als leidenschaftliche, melancholische, humorvolle Frau, die sich nicht scheut, ihre Verletzlichkeit zu offenbaren und die großen Fragen des Lebens anzugehen. Der Philosoph Martin Heidegger schrieb 1959 treffend an sie: „Ihr Lyrisches Stenogrammheft sagt, dass Sie alles wissen, was Sterblichen zu wissen gegeben.“

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In ihren heiter-melancholischen Gedichten erzählt Kaléko von Verlust, von Liebe und Trost, von Einsamkeit, Ungewissheiten, Aufbruch, Hoffnung und von Zuflucht. An Wirkkraft haben sie bis heute nicht verloren. Weidermanns Verdienst liegt darin, dass er die 1975 in Zürich verstorbene Lyrikerin einem breiten Publikum nahebringt und zeigt, wie sehr Menschen wie sie gebraucht werden. Menschen, die sich trotz aller Rückschläge und Enttäuschungen ihre Offenheit bewahren und auf andere vorurteilsfrei zugehen. Wenn ich eine Wolke wäre lädt zum Brückenbauen ein – eine Einladung, die man nicht ausschlagen sollte.

 

Julia Matthias arbeitet als freie Lektorin und findet in Mascha Kalékos Gedichten immer das, wonach sie sucht.


Der Autor

Volker Weidermann, geboren 1969 in Darmstadt, war Gastgeber des „Literarischen Quartetts“ im ZDF. Er ist Kulturkorrespondent der ZEIT und Autor zahlreicher Bücher, darunter Mann vom Meer. Außerdem ist er Herausgeber der Reihe „Bücher meines Lebens“.


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