„Wir besitzen nichts.“
Mit dem Büchergilde Gestalterpreis fördert die Büchergilde Gutenberg seit mittlerweile 25 Jahren den künstlerischen Nachwuchs. In diesem Jahr entwarfen Studierende der Hochschule für Gestaltung Offenbach Zeichnungen zu Colin Higgins’ Harold und Maude. Deborah Moldawski gewann den Wettbewerb mit ihren knallig-bunten Illustrationen. Das Buch sowie die ganze Historie des Gestalterpreises begleitet in diesem Jahr auch eine Ausstellung in Frankfurt.

„Wir besitzen nichts. Wir sind nur auf Durchreise. Wir kommen mit nichts auf die Welt, und genauso verlassen wir sie wieder.“ Gesprochen werden diese Worte von der 79-jährigen Maude, die damit ein Stück ihrer Lebensphilosophie mit dem jungen Harold teilt. Harold und Maude, dieses ungleiche Duo, stehen im Mittelpunkt des gleichnamigen Romans und Kultfilms von Colin Higgins. Immer wieder ermuntert darin Maude ihren jungen Freund dazu, dem Leben mit Neugier zu begegnen, sich frei von Konventionen auszuleben und Erfahrungen statt materieller Güter zu sammeln.
Unbändige Experimentierfreude und die Lust am Ausprobieren, das zeichnet auch seit nunmehr 25 Jahren den Büchergilde Gestalterpreis aus. In ihrem biennalen Nachwuchs-Wettbewerb brachte die Büchergilde nun Higgins’ Erfolgsroman Harold und Maude mit Studierenden der Hochschule für Gestaltung Offenbach (HfG) zusammen.

Der Gestalterpreis ermöglicht jungen Künstlerinnen und Künstlern, das erste Illustrationsprojekt zu verwirklichen, und schafft so Raum für Innovation, die die Tradition der Buchgemeinschaft bereichert und in die Gegenwart übersetzt. Seit 2000 wird der Preis alle zwei Jahre an wechselnden Hochschulen ausgeschrieben. Gegenstand ist die Illustration eines Buches, das die Büchergilde auswählt; in der Regel ein literarischer Klassiker oder ein zeitgenössischer Erfolgsroman. Eine Jury entscheidet über den gelungensten Entwurf und das Buch erscheint in besonderer Ausstattung sowie als Vorzugsausgabe mit Originalgrafik im Programm des Verlags. Begleitend dazu wird in diesem Jahr zum ersten Mal auch eine Ausstellung in Kooperation mit dem Caricatura Museum Frankfurt realisiert, die bis Ende Oktober 2026 die ganze Welt des Büchergilde Gestalterpreises im Caricatura Salon zeigen wird.

Im Fachbereich Kunst der Hochschule für Gestaltung Offenbach widmeten sich diesmal vierzehn Teilnehmende des Seminars von Professorin Nadine Fecht der Aufgabe, innovative Illustrationskonzepte zu Higgins’ Roman Harold und Maude anzufertigen. Fecht beschreibt die künstlerische Arbeit an und für Bücher als „eine besondere und auch bereichernde Herausforderung“ und ergänzt: „Bei der Zusammenarbeit meines Lehrgebiets der Zeichnung mit der Büchergilde kam noch die konkrete und anspruchsvolle Aufgabenstellung der Text-Illustration in Verbindung mit einer Ausstellung dazu, was einen wertvollen Praxis- und Realitätsbezug in Bezug auf Veröffentlichung und Öffentlichkeit herstellt, der in der Lehre besonders bereichernd ist.“
Ein Semester lang arbeiteten die Studierenden an ihren Konzepten. Anfang März 2026 lagen diese dann der fünfköpfigen Jury vor, die sich im Haus des Buches in Frankfurt traf, um aus den Arbeiten den ersten Platz zu wählen. Gemeinsam berieten und diskutierten Benjamin Gottwald (Illustrator und Animator), Stephanie Lunkewitz (Autorin und Illustratorin), Christine Moosmann (Chefredakteurin Grafikmagazin), Malika Specht (Illustratorin und Tätowiererin) und Cosima Schneider (Herstellerin Büchergilde und verantwortlich für die Nachwuchsförderung) die verschiedenen Einreichungen.

Von den kreativen Entwürfen setzten sich schließlich jene der Frankfurter Künstlerin Deborah Moldawski durch, die mit dem Büchergilde Gestalterpreis 2026 ausgezeichnet wurde. Sie überzeugte die Jury mit ihren an Pop Art erinnernden Illustrationen zu Harold und Maude. Moldawski sagt über sich, dass sie beim Illustrieren insbesondere den ästhetischen Spielraum zwischen Bildern, Text und der physischen Form eines Buches spannend findet. Charakteristisch für ihren Stil sind reduzierte Bilder, mit denen sie auch komplexe Inhalte übersetzt. Ihre emotional aufgeladenen Entwürfe für den Gestalterpreis treffen ideal den skurrilen und zugleich warmen Ton des Textes.

Im Zentrum von Colin Higgins’ Harold und Maude steht die Freundschaft zwischen dem todessehnsüchtigen 19-jährigen Harold und der 60 Jahre älteren Maude. Die unkonventionelle Liebesgeschichte provoziert und rebelliert gegen gefestigte Moralvorstellungen und gilt als Hymne auf Freiheit und Lebendigkeit. Als schwarze Komödie, verfilmt 1971 unter der Regie von Hal Ashby, erlangte die Story Kultstatus, später entwickelte Higgins aus dem Drehbuch eine Theaterfassung und den Roman.
Die expressiven Zeichnungen von Deborah Moldawski inspirierten Herstellerin Cosima Schneider zu einer passend auffälligen Buchausstattung. Das texturierte Einbandmaterial „Kristall“ schimmert metallisch und verleiht Glanz, die abgerundeten Ecken des Buchs setzen im Design konsequent die modernen Illustrationen fort. Das Buch erscheint im englischen Original als auch in der neuen deutschen Übersetzung, die beiden Versionen unterscheiden sich in ihrem Covermotiv. Für die Vorzugsausgabe fertigte Deborah Moldawski eine Grafik im Risodruck an, das Motiv des Drucks findet sich nur auf dieser Beigabe.

In der Reihe der Büchergilde Gestalterpreis-Ausgaben fügt sich die von Moldawski illustrierte Ausgabe von Harold und Maude mit ihrem Design perfekt ein und verdeutlicht wieder einmal, wie wichtig das Vertrauen in junge Ideen ist. Es geht darum, Freiräume zu schaffen und Perspektiven für frische Bildsprachen und innovative Erzählformen zu eröffnen. Der Gestalterpreis stellt eine der Möglichkeiten dar, durch die der künstlerische Nachwuchs entdeckt, begleitet und gezielt gefördert wird.
Die bisherigen Gewinner:innen, darunter Katrin Stangl, Martin Stark oder Joe Villion, festigten ihren Platz in der Branche, erlangten teils überregionale Anerkennung oder wurden mit Preisen ausgezeichnet. Und von den weiteren Teilnehmer:innen am Wettbewerb, die nicht den ersten Platz belegten, überzeugen mittlerweile bei der Büchergilde auch die illustrierten Bücher von Ann-Kathrin Peuthen (Illustration dreier Bände der Krimireihe von Seishi Yokomizo) und Malika Specht (Illustration von Jane Austen, Northanger Abbey). Wir freuen uns auf viele weitere Nachwuchskünstlerinnen und -künstler, Projekte und Bücher, die aus dem kreativen Potenzial des Büchergilde Gestalterpreises noch entwachsen werden.
Von Sophie Arnold und Marlen Heislitz.
Der Autor
Colin Higgins, geboren 1941 auf Neukaledonien, wuchs in einem Vorort von Sydney auf und zog später nach Kalifornien. Dort studierte er erst Englische Literatur in Stanford, später an der Filmhochschule von Los Angeles. Seine Abschlussarbeit Harold and Maude wurde 1971 verfilmt und war ein Überraschungserfolg. Im selben Jahr erschien auch die Romanfassung. Er starb 1988 in Beverly Hills.
Die Illustratorin
Deborah Moldawski, geboren 1994 in Frankfurt am Main, studierte Kunstgeschichte an der Goethe-Universität in Frankfurt am Main. Seit 2018 studiert sie im Diplom im Studiengang Kunst mit Schwerpunkt Illustration und Buchkunst an der Hochschule für Gestaltung in Offenbach. Daneben arbeitet sie als Illustratorin. Zu ihren Kunden zählen u. a. die Schirn Kunsthalle Frankfurt und die Kreisvolkshochschule des Kreises Groß-Gerau. Außerdem ist Deborah Moldawskis Buchkunst in der Sammlung des Klingspor Museums in Offenbach vertreten. Sie lebt in Frankfurt am Main.
Die Übersetzer:innen
Pociao, geboren 1951 in Köln, ist eine deutsche Übersetzerin, insbesondere für Literatur aus dem Englischen, sowie Autorin und Verlegerin. Sie hat u. a. Patti Smith, Laurie Anderson, Bill Ayers und Robert Anton Wilson ins Deutsche übertragen.
Roberto de Hollanda, geboren 1953, hat Soziologie und Politologie studiert und dreht Dokumentarfilme, schreibt Features und übersetzt aus dem Portugiesischen, Spanischen und Englischen, u. a. Gonzalo Torrente Ballester, Almudena Grandes, José Luis Sampedro, Francisco Goldman, Tom Robbins.
