Poesie und Proteinkuchen


In seinem neuen Roman Was wir wissen können schickt Erfolgsautor Ian McEwan im Jahr 2119 einen Literaturwissenschaftler auf die Suche nach einem mythenumrankten Gedicht. Seine Recherchen fördern eine große Liebesgeschichte zutage, bringen ihn aber auch auf die Spur eines Verbrechens ...

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Wie sieht sie aus, die Welt in hundert Jahren? In Was wir wissen können macht sich der britische Autor Ian McEwan Gedanken über ebendiese Frage und präsentiert eine Welt, in der die Auswirkungen der Klimakrise genauso wie die Folgen eines chinesisch-amerikanischen Kriegs zu spüren sind. Die Menschheit ist um fünf Milliarden Personen geschrumpft, weite Teile Großbritanniens sind überflutet. Bibliotheken und Archive mussten sich auf Bergeshöhen zurückziehen, Fähren verkehren zwischen den noch nicht überfluteten Teilen des Landes und Proteinkuchen gehört zum täglichen Speiseplan.

Es ist keine schöne Welt, die McEwan in seinem Roman skizziert. Ablenkung verheißt dem Literaturwissenschaftler Thomas Metcalfe nur sein Forschungsobjekt, dem er sich mit vollkommener Hingabe verschrieben hat.

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Metcalfe forscht über die Beziehung des britischen Dichters Francis Blundy und seiner Frau Vivien – und ein Stück Poesie, das deren Liebe zu Beginn des 21. Jahrhunderts dokumentiert haben könnte. Einst verfasste der gefeierte Lyriker einen Sonettenkranz für seine Frau, den er anlässlich ihres Geburtstags im Jahr 2014 vortrug und ihr als Geschenk überreichte. Publiziert wurde das formstrenge Gedicht allerdings nie, weshalb sich in den folgenden Jahrzehnten viele Mythen um das Poem und seinen Inhalt rankten. Hatte der Dichter womöglich einen sprachmächtigen Kommentar auf die Klimakrise hinterlassen, die schon wenige Jahre nach dem Vortrag des Gedichts das Leben der Menschen so gravierend verändern sollte? Und warum verwehrte sich Blundy gegen eine Veröffentlichung des Gedichts?

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Über die Jahrzehnte schossen Mutmaßungen über Inhalt und Verbleib des Werks ins Kraut und beschäftigten die Menschen – so auch Thomas Metcalfe, der in Tagebüchern und Archivgut den Spuren des Sonettenkranzes nachspürt. Dabei taucht er durch seine Forschung tief in die Leben der Blundys und ihrer Freunde ein. Er fördert so nicht nur die Belege einer dramatischen Liebesgeschichte zutage, sondern stößt auch auf die Spuren eines Verbrechens, das die Beziehung des Dichters mit seiner Frau auf die Probe stellte.

Was wir wissen können ist ein clever konstruierter Roman, der aus zukünftiger Perspektive tief eintauchen lässt in das Leben von Figuren in unserer Zeit. So entfaltet sich Stück für Stück das Bild einer besonderen Beziehung zwischen Vivien und Francis Blundy, die zusammen mit der Frage nach dem Verbleib des Sonettenkranzes den dramatischen Überbau von McEwans Geschichte bildet.

Nachdem Francis das letzte Wort der letzten Zeile des letzten Sonetts seines Sonettenkranzes gelesen hatte, gab es am Tisch zehn verschiedene Arten des Schweigens.

Aus: Was wir wissen können

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In seinem Roman fragt der Starautor (Abbitte, Nussschale) ebenso nach unserer Passivität angesichts der sich abzeichnenden Klimakatastrophe, wie er auch Lyrik als Mittel des Erkenntnisgewinns und der Konservierung von Schönheit besingt.

Diese Mischung macht aus Was wir wissen können ein packendes und überraschendes Leseerlebnis, das nicht nur Lust auf Lyrik macht, sondern auch zeigt, dass wir es selbst in der Hand haben, wie wir unser Leben und unsere Umwelt gestalten.

 

Marius Müller ist Bibliothekar und freut sich über Ian McEwans Beschreibungen der zivilisationsstiftenden Arbeit von Archiven und Bibliotheken in Was wir wissen können. Er hofft aber auch, nie unter solchen Umständen arbeiten zu müssen, wie sie das Buch beschreibt.


Der Autor

Ian McEwan, geboren 1948 in Aldershot (Hampshire), lebt bei London. 1998 erhielt er den Booker-Preis und 1999 den Shakespeare-Preis der Alfred-Toepfer-Stiftung. Seit seinem Welterfolg Abbitte ist jeder seiner Romane ein Bestseller, viele sind verfilmt, zuletzt Am Strand und Kindeswohl. McEwan ist Mitglied der Royal Society of Literature, der Royal Society of Arts, der American Academy of Arts and Sciences und Träger der Goethe-Medaille.


Der Übersetzer

Bernhard Robben, geboren 1955 in Haselünne, Emsland, arbeitet als Übersetzer und Journalist. Er hat u. a. Werke von Salman Rushdie, John Steinbeck und John Burnside ins Deutsche übertragen. Er lebt in Brandenburg.


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