Warum das Patriarchat in unseren Köpfen verankert ist


Ob nun als Witches, Bitches oder It-Girls: Im Laufe der Jahrtausende wurden Frauen auf die eine oder andere Weise verunglimpft. Journalistin Rebekka Endler geht in ihrem gleichnamigen Buch patriarchalen Mythen auf den Grund. Im Interview mit der Büchergilde schildert sie, was sie dazu bewegte.

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Was sind die Gemeinsamkeiten von der Witch, der Bitch und dem It-Girl? 

Diese Begriffe sind unterschiedliche Facetten ein und derselben Medaille. Es sind Fremdbezeichnungen für weiblich gelesene Personen, die dazu dienen, sie zu stigmatisieren und an den Rand zu drängen: Bei der Witch oft aufgrund von Neid wegen finanziellen Erfolgs oder weil sie unabhängig war, die Bitch wegen sexueller Freizügigkeit gepaart mit dem Unwillen, sich dafür zu entschuldigen, und das It-Girl als Frau, die einerseits erfolgreich ist, diesen Erfolg aber außerhalb von patriarchaler Leistungskriterien erlangt hat, weswegen man gesellschaftlich lange dachte, er stünde ihr nicht zu. Alle drei Begriffe wurden gezielt genutzt um Gewalt auszuüben, haben gleichzeitig aber auch eine Form der Aneignung aus den so bezeichneten Gruppen erfahren, um ihnen ebendiese Funktion zu nehmen. 

 

Gab es einen bestimmten Auslöser, dich mit patriarchalen Mythen zu beschäftigen? 

Zwei. Zum einen kam bei Lesungen mit meinem ersten Buch Das Patriarchat der Dinge wiederholt die Frage auf, warum uns die unsichtbare Struktur aus Patriarchat und Kapitalismus so beeinflusst. Ich hatte das Gefühl, die Zusammenhänge nicht gut genug verstanden zu haben, um wirklich erklären zu können, warum das Patriarchat in unseren Köpfen verankert ist. Als ich später aber von meinem neuen Projekt erzählte, war die Reaktion darauf eher verhalten. Mir wurde klar, dass ich dieses Thema über das Storytelling anpacken muss. Als Journalistin habe ich an langen Formaten wie Reportagen oder Features gearbeitet, wo man Zeit hat, um eine Sache aufzuarbeiten. Jede Geschichte kann interessant sein, es kommt nur darauf an, wie sie erzählt wird. Ob man das jetzt Storytelling, Mythos oder Narrativ nennt, ist egal. So kam ich auf die Idee, das Patriarchat über seine Mythen zu erklären. 

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Genau hinsehen: Die vielfach interpretierte Helena von Troja

Was ist denn so schlimm an Mythen? 

Es gibt in der westlichen Welt einen sehr großen Kanon an Kulturgeschichten und Mythen. Daran ist an sich nichts auszusetzen. Aber wenn wir schauen, wer diese Geschichten erzählt und welche sich durchgesetzt haben, ist schnell zu erkennen, dass sie eine gesellschaftliche Funktion erfüllen, etwa als Cautionary Tale, als mahnendes Beispiel. Interessieren sich Frauen beispielsweise für politische Teilhabe, werden diese Mythen aufgewärmt, um sie zu dämonisieren. Oder auch die Bücher, die im Deutschunterricht gelesen werden: Sie handeln oft von sexualisierter Gewalt an weiblich gelesen Personen. Das ist im Kern unser Kanon, und dass dieser uns bis heute prägt, war für mich eine neue Erkenntnis. Aber Patriarchat hört sich so abstrakt an. Deswegen war mein Plan, die Summe an kleinen Teilen und an seit mehreren Jahrhunderten wiederkehrenden Muster ein Stück weit sichtbar zu machen. 

 

Das heißt, es gibt ein konkretes Muster, nach dem die Mythen funktionieren? 

Ja, weil sie sich erstaunlich wenig innovativ zeigen. Man setzt auf Altbewährtes mit einer Prise neuen Zeitgeist. Die vermeintlich männerhassenden, sexuell frustrierten Feministinnen, die nach Lust und Laune komplett unschuldige Männer canceln, gab es schon immer, egal, ob sie nun „Blaustrümpfe“, „Emanzen“ oder „Feminazis“ geschimpft werden. Und auch die Femme Fatales, die Witches, Bitches und It-Girls gibt es schon seit der Antike. Das ist die gleiche Rezeptur, die dann neu erzählt wird, mit ganz rigiden Vorstellungen darüber, was typisch weiblich und typisch männlich ist. Wenn ich Instagram-Trends sehe, laut denen man zu „weiblichen Energien“ zurückfinden soll, finde ich das wirklich beängstigend, wie sich viele jüngere Frauen davon einlullen lassen. Das ist einer der Gründe, warum Feminismus in Wellen kommt und es keine feministische Kontinuität gibt. Französische Feministinnen hatten vor dreihundert, vierhundert Jahren schon die gleichen Gedanken wie Virginia Woolf vor hundert oder wir heute. 

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Die große Frage lautet, warum sich diese patriarchalen Mythen über die Jahrtausende halten, wenn man das doch weiß… 

Weil sie eine Funktion erfüllen und weil einige Menschen davon profitieren. Und auch weil viel zu vielen Menschen eingeredet wird, sie würden davon profitieren. Das ist das eigentliche Problem. Denn wenn wir uns anschauen, wer profitiert, sind es gar nicht so viele. Identisch dazu ist die Frage, warum Menschen gegen ihr eigentliches Interesse Donald Trump wählen. Eine andere Erklärung ist natürlich, dass Propaganda so wahnsinnig erfolgreich ist. 

 

Du machst in deinem Buch ein breites Feld auf und gehst von der Gegenwart bis zurück in die Antike, teils sogar in die Steinzeit. Wie hast du deine Schwerpunkte gesetzt? 

Im Laufe der Recherche und durch die Entwicklung der vergangenen zwei, drei Jahre hat sich ergeben, dass rechtskonservative und faschistische Propaganda und Bewegungen viel Raum in meinem Buch einnehmen. Das war so nicht geplant. Alle Kapitel haben ein Stück weit damit zu tun. Ich wurde letztens gefragt, welche Leserschaft ich beim Schreiben im Kopf hatte, und die ehrlichste Antwort darauf ist, mich selbst. Jedes Kapitel hat ein Thema, was mich persönlich interessiert und das ein wichtiges Teil des Gesamtpuzzles ist. Ich kann nicht alle Puzzleteile abbilden, aber ich habe versucht, die zu erläutern, die zentral sind, um ein Bild zu erkennen. So kriegt man einen Eindruck, wie das ganze Puzzle aussieht. 

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Hat dich bei der Recherche irgendetwas überrascht? 

Ja, dass unsere gängige Interpretation der Steinzeit etwas ist, was Anfang des 19. Jahrhunderts von Bildungsbürgern, die Angst vor der ersten feministischen Welle hatten, quasi nachträglich übergestülpt wurde. Es wurde behauptet, dass die Räume auch schon in der Steinzeit in häusliches und öffentliches Leben getrennt und die Geschlechter entsprechend einzusortieren waren. Auch mein Geschichtsunterricht hat so funktioniert: Frauen mit Babys blieben zu Hause und haben gekocht, während Männer auf die Jagd gingen. Das ist immer noch das dominierende Bild, obwohl es so gar nicht stimmt und die Rollen in der Gemeinschaften nach Fähigkeiten und nicht nach Geschlecht verteilt waren, also natürlich auch Frauen auf die Jagd gingen. 

 

Hast du auch eine Lieblingswitch, -bitch oder -It-Girl? 

Ich habe einen Narren an Margaret Murray gefressen. Sie hat in den Anfängen der Archäologie und Ägyptologie als Quereinsteigerin relativ schnell Karriere gemacht. Beim Ausbruch des Ersten Weltkriegs verlor sie als Frau ihren Job und musste sich ein zweites Standbein suchen. In Archiven in England fand sie Protokolle von vermeintlichen Hexen. Da sie keine Historikerin war, nahm sie alles für bare Münze, was dort unter Folter „zugegeben“ wurde, und hat Bücher geschrieben, die man heute als Fan-Fiction bezeichnen könnte, und später auch den Eintrag über „Hexen“ in der Encyclopædia Britannica verfasst. Murray behauptete unter anderem, dass Hexen in Zirkeln von 13 operiert und Sex mit dem Teufel gehabt hätten. Sie war somit auch die Urmutter der Wicca-Bewegung, die in den 1950ern und 1960ern entstanden ist. Einer der Gründe, warum ich sie trotz der ganzen Märchen, die sie in die Welt gesetzt hat, liebhabe, ist, dass man sie verstehen kann. Eigentlich stand ihr eine große Karriere bevor, die sie nicht ausüben durfte. Und sie hat sich total für andere Frauen eingesetzt. Das, was sie für mich aber zu einem It-Girl macht, ist, dass sie mit 101 ihre Autobiografie veröffentlicht hat: My First Hundred Years. Es ist noch nie eine Autobiografie mit einem besseren Titel erschienen. Margaret Murray, so fehlerhaft sie auch war, ist für mich sowohl eine Witch als auch eine Bitch als ein It-Girl. 

 

Die Fragen stellte Isabella Caldart.


Die Autorin

Rebekka Endler, geboren 1984 in Köln, ist Autorin, Journalistin und Podcasterin. Sie betreibt den Podcast Feminist Shelf Control und publizierte das erfolgreiche Sachbuch Das Patriarchat der Dinge.


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